Nichts geht verloren

An einem Aprilmorgen am Fluss Ticino beobachtete ich eine Schwanzmeise beim Nestbau. Sie flog hin und her zwischen zwei Tannen, auf der einen baute sie, auf der anderen holte sie Material. Was sie dort zupfte, waren die Gespinste des Prozessionsspinners: die weissen Schutzhüllen eines Schädlings, gefährlich für Bäume, Menschen und nicht zuletzt auch für manche Tierarten.

Die Meise nutzte sie trotzdem. Was für den Schädling Schutz war, wurde für sie zum Rohstoff. Aus dem Gespinst des Zerstörers entstand die Wärme des Nestes. Die Natur folgt ihrem eigenen Kreislauf sie verwandelt, was andere hinterlassen, und lässt vieles weiterleben.


Dieser Moment liess mich innehalten. Die Natur kennt keinen Abfall. Was ein Organismus hinterlässt, nimmt ein anderer auf. Gefallene Bäume werden Lebensraum für Käfer, Pilze und Spechte. Tote Tiere ernähren den Boden. Das Gespinst des Schädlings wärmt das Nest der Meise. Alles fliesst weiter. Nichts endet einfach so.

Wir Menschen sind oft weniger sorgfältig mit dem, was wir haben. In vielen Teilen der Welt versinken ganze Landstriche im Müll überflutet von dem, was wir produziert, benutzt und weggeworfen haben. Die Ozeane tragen ihn weiter, spülen ihn an Strände und gefährden damit uns und eine Natur, die sich eigentlich selbst regulieren könnte. Kleider, die wir nie getragen haben, füllen Container. Geräte, die noch funktionieren, landen auf Deponien, weil ein neues Modell erschienen ist. Und oft tun wir das nicht aus Not, sondern um sichtbar zu sein. Das Neueste, das Schnellste, das Glänzendste, nicht weil es uns besser macht, sondern weil es zeigt, wer wir sein wollen.

Die Natur beweist sich nicht. Sie lebt einfach, sparsam, präzise. Sie fragt nicht, was neu ist. Sie fragt, was noch da ist und wer es brauchen könnte.

Die Schwanzmeise hat einfach ihr Nest gebaut. Aber in diesem stillen Hin und Her zwischen zwei Tannen lag eine Frage, die mich nicht loslässt:
Was würde sich ändern, wenn wir öfter schauen würden, was schon da ist, bevor wir etwas Neues brauchen?