
Ich war auf dem Weg von Baku nach Norden und bewusst von der Autobahn abgefahren. Auf der Landstrasse fahre ich langsam. Am Rand ist immer etwas los, dort spielt sich das Leben ab, das man im schnellen Vorbeifahren nicht sieht. Zwei Greifvögel am Boden zogen meinen Blick auf sich. Einer riss an etwas, einem Stück Fleisch, einem Rest. Ich hielt an. Ich wusste nicht, was hier war. Nur dass es in dieser Region Greifvögel gibt, und so war ich ohnehin auf der Suche. Durch das Fernglas kam der erste Schock. Der Vogel stand vor einem riesigen Haufen Müll. Erst als ich weiter nach hinten schaute, verstand ich, dass die Haufen kein Zufall waren. Es war eine Deponie. Es war später Nachmittag, fast Abend, die Sonne ging unter. Ich fuhr langsam die unbefestigte Strasse hinein, schwarz, voller Löcher, an der Deponie entlang. Und mit grossem Staunen sah ich, dass dort Vögel lebten. Nicht ein paar. Viele, in verschiedenen Arten.

Die Deponie brannte. Kein offenes Feuer, nur Rauch, der aus dem Müll quoll. Der Gestank kam nicht vom Abfall allein, vor allem vom Rauch, und er war kaum auszuhalten. Ich hatte nichts dabei. Ich band mir ein langärmliges T-Shirt vor Mund und Nase, mehr Improvisation als Schutz, nur um überhaupt fotografieren zu können. Niemand hält sich hier auf. Nur die Lastwagen, die den Müll bringen, sonst kommt keiner her. Die Strasse führt am Rand der Deponie entlang, hin und wieder fährt ein Auto vorbei, aber niemand bleibt stehen. Nur die Vögel sind ständig hier. Für sie ist dieser Ort kein Rand, an dem man vorbeifährt. Er ist das Zentrum.

Über allem sass ein Adler. Ein junger Kaiseradler, hoch auf dem Querträger eines Strommastes, direkt über der Deponie. Von dort sah er, was ich von unten nicht sah, das ganze Feld aus Abfall und das, was sich darin bewegte. Er sass auf dem Metall, knapp über dem Glasisolator, dort, wo der Strom fliesst. An einem ungesicherten Mast wie diesem kann ein Vogel seiner Grösse sterben, ein Flügel an der falschen Stelle genügt. Was ihn nach oben zog, war dasselbe, was die anderen nach unten zog. Das Fressen lag hier. Der beste Platz, um es zu sehen, war zugleich der gefährlichste.

Eine Haubenlerche stand auf einem Klumpen aus Müll, als wäre es ein Stein. Zwischen Folien, Resten und Glas suchten die Vögel nach Nahrung, gebückt und geschäftig, als wäre dies ein Feld wie jedes andere.
Sie sind hier, weil der Ort sie ernährt. Wo sich Abfall sammelt, sammeln sich auch Mäuse, Insekten und andere Nahrungsquellen in einer Fülle, wie sie natürliche Landschaften kaum bieten. Der Geruch der organischen Reste trägt weit und lockt viele Arten zugleich. Doch was sie nährt, ist dasselbe, was sie bedroht. Mit der Nahrung können Vögel Plastik, Glas oder andere Fremdkörper aufnehmen. Hinzu kommen Schadstoffe und, wenn die Deponie wie hier brennt, Rauch.

Am nächsten Tag kam ich zurück. Es hatte mich nicht losgelassen. Ich wusste, wie es dort riecht, und steuerte den Ort trotzdem erneut an, weil ich ihn noch einmal sehen musste. Nicht für schöne Bilder. Um zu verstehen. Wie viele es wirklich sind. Wie sie das aushalten. Und die eine Frage, die ich nicht beantworten konnte: Wie schützt man etwas, das nicht weiss, dass es Schutz braucht.

Bevor ich ging, sah ich ihn noch. Einen Wiedehopf, die Haube aufgestellt, das Gefieder schwarz und weiss gebändert, ein Vogel, der aussieht, als käme er aus einer anderen Zeit. Er stand auf einem Haufen aus zerbrochenem Glas, grüne und rote Scherben im Abendlicht. Schöner Vogel, scharfe Kanten. Er suchte zwischen den Splittern nach Nahrung, ruhig, geübt, als sei das hier immer schon sein Platz gewesen. Vielleicht ist er das inzwischen. Oder er war immer hier, und der Müll kam erst dazu. Ich machte das Bild und kehrte zurück auf die Strasse, an der die Menschen vorbeifahren, ohne anzuhalten.